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020
elfy
elfy wrote in lost_kingdom_09
"Ach, tu dir jetzt nicht selbst leid. Das geht vorbei und ab morgen
kehrt Routine ein." Sie klopfte ihm auf die Schulter.
"Hoffen wir es."
"Ach, warum denn nicht!"
"Sorry wenn ich da nicht mehr so zuversichtlich bin, im Moment."

"Kein Problem"; meinte sie, klopfte ihn auf den Rücken. "Du wirst davon
mal deinen Kindern erzählen und kaum noch glauben, dass du das erlebt hast."

"Vielleicht, ja."
Er wirkte nachdenklich.

Sie klopfte ihm nochmals auf den Rücken (und sie klopfte männlich) - als
sie draußen Schreie hörten.

Wie war das, morgen kehrt wieder Routine ein? Mika sah auf, lauschte,
was das wohl sein könnte.

"Ein Arzt, schnell!", hörte er eine Frauenstimme schrill schreien.

Er stand auf, ging hin, auch wenn er keiner war. Versuchte zu erkennen,
was da los war.

Er sah ein junges Mädchen, blutüberströmt, das auf dem Boden lag. Sie
trug Polizeiuniform, jedoch keine Jacke. Auf ihrer Brust breitete sich
ein roter Fleck aus, es ragte ein metalisches "Teil", fast sah es wie
ein Kugelschreiber aus, aus ihrer Brust.
Am Rand drängten einige Männer einen Mann zurück, der tobend
auszubrechen versuchte.
Eine Frau von Mitte 30 mit blondem Pferdeschwanz und Schulterhalfter
über dem Feinstrick-Pulli kniete neben dem Mädchen.

Er kniete sich auf die andere Seite der Frau, checkte ihren Puls.

Der ging sehr, sehr schwach - aber mit einem Mal hatte er eine
unglaubliche Erfahrung: es war wie in einem Film, in dem man in den
Körper eines Menschen eintauchte, jedes Blutgefäß sah, jeden Muskel, in
Farbe und äußerst plastisch. Und er sah, dass sich die Spitze des
Brieföffners bei der geringsten Bewegung oder wenn die Frau nur erwachen
und ihr Herz stärker schlagen würde, in ihre Herzkammer dringen und sie
töten würde. Jetzt war es eine stark blutende Wunde (und der Brieföffner
hatte eine ganz glatte Kante) - und nicht lebensbedrohlich.

(ui :D)
(das heißt, rausziehen ist die einzige Option?)

ja

Er schnuckte, versuchte nicht darüber nachzudenken.
"Handtücher, Küchentücher, sowas, ganz schnell, sofort!", sprach er die
andere Frau an.

Sie sprang auf, rannte los.
Beckham war ihm gefolgt.

Er achtete peinlichst darauf, dass niemand der Frau zu Nahe kam, sie
ausversehn anstieß oder bewegte oder irgendwas.
War das wieder nur eine Halluzination gewesen? Immer noch? War...
immerhin möglich. Sollte er es trotzdem riskieren?
Er musste, verdammt, er musste.
Mika war froh, als er keine Zeit mehr zum Nachdenken hatte, weil die
anderen zwei zurückkamen.
Er hatte sich eine Schere von einem Schreibtisch gegriffen und die Bluse
um den Brieföffner herum weggeschnitten.
Dann verlangte er ein Handtuch, faltete es eilig und hielt es dicht
neben den Brieföffner. Bevor jemand protestieren konnte, zog er es mit
einem gezielten Griff heraus und presste sofort das Handtuch fest auf
die Wunde.
Wenn er die Frau damit jetzt umbrachte, wusste er wenigstens, was er
getan hatte.

Es ging ganz leicht. Der Brieföffner war blutig, die Wunde sprudelte
förmlich - aber mit dem Handtuch war sie auch zu verschließen.

Er hörte (wie durch Watte) jemanden schreien.

Das Schreien ignorierte er, drückte nur sehr fest auf die Wunde drauf,
mit beiden Händen (ohne ihr die Rippen zu brechen). Den Brieföffner
hatte er fallen gelassen.
"Ist der Krankenwagen unterwegs?", hörte er sich fragen, sah aber nur
die Frau an.

"Ja"; meinte ein Mann, kam nach vorne zu ihm durch, kniete sich neben
ihn. Er wirkte ruhig, aber das war auch professionell, hatte kurzes,
graues Haar. "Wer sind sie?"; fragte er freundlich.

"Mika. Mika Vallgren." Er sah nur sehr kurz zu ihm, checkte mit einer
Hand den Puls der Frau.
"Der Stich war sauber, aber die Spitze des Brieföffners direkt vor ihrer
Herzkammer."
Im Gegensatz zu dem anderen Mann war er durchaus nervös und verbarg das
sicher nicht ganz so gut.
"Ich weiß, dass man solche Sachen eigentlich nicht rauszieht."

"Michael Page. Sind sie Arzt?"

Er schüttelte den Kopf. "Medizinstudent."

Er sah ihn einen Moment an, dann nickte er.

Von irgendwo her dröhnte das Heulen der Sirenen, dann kamen die Männer
hochgehetzt.

Der Pulk von Polizisten und kämpfendem Kerl war verschwunden.

Ein Mann im Kittel ging neben Mika in die Knie. "Was liegt vor?", fragte er.

"Angriff mit einem Brieföffner, Einstich seitlich rechts, zwischen der 4
und 5 Rippe. Puls schwach, aber konstant, Atmung ebenso. Ich habe die
Tatwaffe rausgeholt, da ich ... bei dem Winkel und der Länge des Öffners
davon ausging, dass er knapp vor ihrer Herzkammer sein müsste und wäre
sie augewacht, hätte sie das umbringen können."
Es klang so abstrus. Noch immer drückte er das Handtuch fest auf die Wunde.

Warme Hände in Latexhandschuhen berührten seine: "Großartig, lassen sie
mich übernehmen." Ein Blick aus ernsten Augen über den Rand einer Brille
hinweg traf ihn.

Etwas steif ließ er los, war dann aber sehr, sehr froh, dass jemand
anderes übernahm. Er wich zurück, machte Platz.

Divos Hände legten sich um ihn - von hinten, da er rückwärts zurückwich.

Mika blieb stehen. Er hatte etwas Blut an den Händen.
"Muss Händewaschen", murmelte er, sah aber noch zu, was die richtigen
Ärzte da jetzt taten.

Sie stabilisierten das Mädchen und hoben es auf eine Bahre. "Da drüben
ist ein Waschraum", meinte Divo.

Er nickte, ging dort hin, wusch sich die Hände. Ein bisschen Wasser ins
Gesicht... dann war er auch schon wieder fitter.

Divo wartete draußen auf ihn. Sie war blaß,nun, sie war immer blaß,
jetzt war sie käsig mit einigen blassrosa Flecken.

Mika blieb vor ihr stehen, sah sie an. "Wie gehts dir?", fragte er besorgt.

"Völlig durch den Wind. Yard will dich sprechen."

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